Werkstattgespräch von Linus David mit Caspar Diethelm

(Luzerner Neueste Nachrichten, 13.12.1985, anlässlich der Kunstpreisverleihung der Stadt Luzern)

Werden Kunstpreisträger zu lebenden Denkmälern ihrer selbst? Der Komponist und Musikpädagoge Caspar Diethelm gewiss nicht. Dafür ist er viel zu vital. Von angepasstem Wohlverhalten oder Schönreden ist auch nach der öffentlichen Ehrung nichts zu spüren. „Diethelm steht wie eine knorrige Eiche in der Gegend“, schrieb ein Zürcher Musikkritiker einmal, und der solcherart Gekennzeichnete hat einen Mordsspass daran. Bevor er am kommenden Sonntag zur Übergabe des Kunstpreises 1985 der Stadt Luzern antritt, haben wir ihn besucht.

Hinter eine lebendige Wechselwirkung zwischen Komponist und Öffentlichkeit setzt Diethelm ein grosses Fragezeichen. Seit Beethoven sei die öffentliche Funktion des Komponisten gleich Null, meint er und zitiert Honeggers Warnung an angehende Komponisten, sie würden sich anschicken, etwas zu produzieren, was eigentlich niemand haben wolle. Anders als etwa bei Literatur und Malerei bestehe bei der Musik kaum ein wirkliches Interesse einer breiteren Öffentlichkeit an Werken des 20. Jahrhunderts. Namentlich in der Schweiz. Das ändere sich auch durch eine Preisverleihung wenig.

Den Stellenwert von Musik in der heutigen Gesellschaft sieht Diethelm verschiedentlich bedroht: durch ihre Vermarktung im Musik-„Betrieb“, wodurch auch die Interpreten weit grösseres Interesse fänden als die Komponisten.
Verurteilt diese wenig rosige Situation den Komponisten dazu, „für die Schublade“ zu schreiben? Caspar Diethelm bekennt sich unumwunden dazu. Es gebe sehr wenige bezahlte Aufträge, und die seien in der Regel auch noch schlecht honoriert. Aufträge für umfängliche Werke mit grosser Besetzung? „Wer wie ich acht Sinfonien schreibt, ist ein Spinner, welcher meint, er müsse das tun. Er hat sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er seine wichtigsten Werke wohl nie hören wird.“
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Caspar Diethelm verweist darauf, dass – mit zwei Ausnahmen – seine wichtigsten Werke bislang noch nie in Luzern aufgeführt worden seien, und stellt maliziös fest, man habe ihm demzufolge den Kunstpreis ohne wirkliche Kenntnis seines Werkes verliehen. Muss also ein Schweizer Komponist, nachdem er sich ohnehin nur minimale Chancen für eine weltweite Geltung ausrechnen kann, auch noch darauf verzichten, wenigstens eine handgreifliche lokale Funktion zu haben? „Ein Komponist hat nicht Weltgeltung anzustreben. Er komponiert einfach so gut wie möglich“, meint Diethelm. Im übrigen komme man im 20. Jahrhundert am ehesten unter die ‚great names’, wenn man einen Skandal baue, wie etwa seinerzeit Strawinsky mit dem ‚Sacre du Printemps’. „Weltgeltung besagt heutzutage nichts über die Qualität. Sie wird vielmehr systematisch aufgebaut zwecks kommerzieller Ausbeute.“

 

Viel Musik für Laien

„Hatte denn beispielsweise Bach zu Lebzeiten sogenannte Weltgeltung? Er schrieb grossenteils Gebrauchsmusik, unter anderem in Leipzig Sonntag für Sonntag eine Kantate für den Gottesdienst. Das Grossartige dabei ist, dass all diese Werke gut sind.“ Gebrauchsmusik ist meist Musik für Laien. Diethelm, der recht viel Laienmusik komponiert hat, betont, der technische Schwierigkeitsgrad sei natürlich kein Qualitätskriterium. Die meisten der grossen Komponisten bis Bartók und Hindemith hätten es nicht unter ihrer Würde gefunden, Musik für Amateure zu schreiben. Die heutige Kluft zwischen Komponisten und Laienmusikern sei von den Komponisten mitverschuldet.
„Die verfolgbare melodische Linie ist für mich das wesentlichste Konstruktionsprinzip“, erläutert Diethelm. Gerade der Laie brauche nachvollziehbare Strukturen, um sich für neue Musik zu erwärmen. In der Gebrauchsmusik für Laien ergebe sich eine echte Funktion für Komponisten. Liegt im Mangel an guter Musik für Amateure mit ein Grund für die Kluft zwischen der sogenannten U- und E-Musik? Diethelm leugnet diese Kategorisierung. Für ihn gibt es nur gute und schlechte Musik. (...)
(gekürzte Fassung)