Der Lehrer Caspar Diethelm
(Artikel aus der Festschrift zum 70. Geburtstag des Komponisten von Daniel Hess)
Zum erstenmal sah ich Caspar Diethelm an einem Mittwochabend bei einer Musikgeschichtslektion im Konservatorium Luzern. Ich wurde von anderen Studenten schon gewarnt: er sei streng, erzähle nicht nur Musikgeschichte, sondern oft auch über Instrumentation, Formgliederungen, Harmonielehre, über Kompositionstechniken; und das alles durcheinander... man müsse immer konzentriert sein, er könne wütend werden, wenn man nicht aufpasse!
Ich war daher sehr nervös, als wir ihm dann gegenübersassen. Gleich zu Beginn lässt er kommentarlos ein Orchesterstück abspielen. Dann schaute er in die Klasse, und wir alle ganz konzentriert in die Bücher... Und dann blickte er ausgerechnet zu mir und fragte: „Was hören Sie?“ Ich hatte keine Ahnung von wem das Stück war, ich wusste nicht, was ich sagen sollte und noch während ich überlegte, sagte eine Stimme in mir: „es tönt wie ein Sonnenaufgang“. - Totenstille. Habe ich einen Blödsinn gesagt? Dann lachte er: „Das ist das erste Mal, dass das jemand herausgehört hat! Es ist die Symphonie Le Matin von J. Haydn!“
Meine Antworten waren in den folgenden 2 Jahren bei weitem nicht immer so glorreich, aber ich ging immer äusserst gern. Man musste wirklich extrem aufmerksam sein. Er sprach immer auswendig, spontan, ohne Zettel und machte daher oft Gedankensprünge. In kürzester Zeit streifte er Themen wie Religion, Politik, Philosophie u.a., er stellte manchmal Vergleiche und Überlegungen an, bei denen ich ihm nicht folgen konnte. Ich hatte dann oft das Gefühl, dass er dann gar nicht mehr zu uns sprach, sondern für sich selbst Antworten suchte für die vielen Fragen des Lebens.
Obwohl jede Lektion eine Herausforderung war und nun schon längst der Vergangenheit angehört, erinnere ich mich noch sehr genau daran, während andere Fächer total in Vergessenheit geraten sind. Das lag vor allem daran, dass wir Studenten mitmachen mussten. Nicht wie in anderen Konservatorien, wo man einfach passiver Zuhörer ist. Er war mit Leib und Seele dabei und verlangte von uns dasselbe. Es war dadurch bei manchen Studenten natürlich nicht sehr beliebt, aber das ist bei grossen Persönlichkeiten immer so.
Wenn man mit ihm in der Pause sprach, stellte man schnell fest, dass er sehr viel Humor hatte. Er lachte ganz charakteristisch, mit viel Schalk in den Augen. Im Sommer 1988 stellte ich erfreut fest, dass er am ganzen Konservatorium der einzige Mensch war, mit dem ich über Fussball diskutieren konnte. Damals war gerade die Weltmeisterschaft und in den Pausen, zwischen „Tosca“ von Puccini und „Sacre du Printemps“ von Stravinsky, sprachen wir über die taktischen Massnahmen von Italiens Fussballtrainer Bearzot, die jener unbedingt anwenden sollte, oder über das schöne Tor von Paolo Rossi...
Es gab am Konsi Luzern einige Studenten, die selbst komponierten oder es lernen wollten. Als dann Caspar Diethelm einen Kompositionskurs ankündigte, freuten wir uns riesig. Wir waren ihm dankbar; denn ausser ihm hätte sich wohl keiner die Mühe gemacht, sich mit Kompositionen von jungen Studenten auseinanderzusetzen. Und wir wurden nicht enttäuscht! Er nahm uns alle als Komponisten ernst und das kann ich ihm auch heute noch nicht hoch genug anrechnen. Auch wenn ein Stück misslungen war, analysierten wir es mit ihm zusammen als wär’s ein Stück von Beethoven oder Bártòk. Alle Kritik von ihm war immer wohlbegründet und konstruktiv. Er liess uns alles ausprobieren. Wir konnten alle Kompositionstechniken anwenden, die wir für nötig hielten. Meine aleatorischen Spielereien akzeptierte er genauso als ein persönliches musikalisches Bekenntnis wie eine kleine g-moll Klavierfantasie im Chopin-Stil eines Kollegen. Er lehrte uns ohne jegliches Dogma, und erzählte uns, wie diese Freiheit damals in Darmstadt an den Kompositionskursen sehr klein geschrieben war und wie er deshalb auch kleinere „Zusammenstösse“ mit Leuten wie Stockhausen und anderen gehabt hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Caspar Diethelm damals das letzte Wort gehabt hat... Er liess uns zwar alles versuchen, aber das heisst nicht, dass wir alles schreiben konnten! Jeder Ton musste eine Begründung haben; warum gerade dieser Ton und warum hier usw. Er verzieh nicht, wenn man mangels Ausdauer oder Idee einfach etwas hinschrieb. Solche Stellen entdeckte er sofort. Auch heute noch, wenn ich mit einer fertigen Partitur zu ihm gehe, blättert er das Stück durch, hört sofort alles und findet dann, dass jenes „fis“ auf Seite 28 in Takt 973 bei den Cellis nicht hinpasst oder dass jene Achtelbewegung in den Flöten nicht besonders einfallsreich sei, wieso ich da nicht länger überlegt habe! Und meistens muss ich ihm recht geben. Damals im Kurs gab es alle 14 Tage eine neue Aufgabe (z.B. ein Stück für Klavier mit einem Ostinato-Bass oder ein Stück für Streichquartett, das nur eine Seite lang ist usw). Er war immer echt interessiert und gespannt, was uns eingefallen ist. Er war und ist eigentlich der Einzige, der mich animierte zum Komponieren. Ich habe ihm unendlich viel zu verdanken, er gab mir sehr viel Antrieb und das ist bis heute so geblieben, auch wenn wir uns leider nur selten sehen.