Der „andere“ Diethelm
(Vorwort aus der Festschrift zum 70. Geburtstag des Komponisten von Angelo Garovi)
1996 feiert der Komponist Caspar Diethelm seinen 70. Geburtstag. Er wurde am 31. März 1926 in Luzern geboren. Am 31. März - im Zeichen des Widders - wurde übrigens fast 200 Jahre früher (1732) Joseph Haydn geboren (auf dieses Zusammentreffen ist Caspar Diethelm auch stolz!). Zu diesem Anlass widmen ihm Lehrerkollegen des Konservatoriums, seine Schüler(innen) und Freunde eine Festschrift: Musiker schreiben über den Komponisten Caspar Diethelm und seine Musik. Gestatten sie mir deshalb, auch den „anderen“ Caspar Diethelm kurz vorzustellen.
Erwähnen möchte ich den Politiker Diethelm: Er wurde im Jahre 1972/73 als Kantonsratspräsident „höchster Obwaldner“ und krönte so seine erfolgreiche politische Karriere; Diethelm war seinerzeit zweifellos einer der profiliertesten Politiker Obwaldens. Und wer von Politik etwas versteht, kennt auch das Recht: Diethelm kennt sich in der Jurisprudenz bestens aus, war er doch mehr als dreissig Jahre Grundbuchverwalter in Sarnen und Sachseln. Das ist wohl ein Erbe seines Vaters, der ein gesuchter Jurist war und seinerzeit (1940) den aufsehenerregenden Vollenweider-Mordfall verteidigte. Diethelms Vater war auch ein bedeutender Lokalhistoriker, der unter anderem - auch hier der Zeit vorausgreifend - die „Heidenhäuschen“ in Obwalden erforschte. Kommt daher die Liebe des Sohnes zur Musikgeschichte, die er als Nachfolger von Klaus Huber seit 1963 am Konservatorium Luzern lehrte?
Erwähnen möchte ich auch den Botaniker, Mineralogen und Mykologen Diethelm. Eine Parallele also zu John Cage? Für Cage war die Pilzkunde ebenso wichtig wie das Komponieren. Cage versorgte in den 50er Jahren sogar eine Zeitlang ein feudales New Yorker Restaurant mit ausgewählten Pilzen. Caspar Diethelm ist ebenfalls ein ausgezeichneter Pilzkenner, war er doch jahrelang in Obwalden kantonaler Pilzkontrolleur.
Die Diethelms waren stets vielseitige und originelle Menschen. Sein Urgrossvater (ebenfalls mit Namen Caspar) war als Ingenieur ein Pionier. Er projektierte und baute in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Brünig- und Engelbergerstrasse (übrigens zusammen mit meinem Grossvater Pietro Garovi als Baumeister) und führte die wichtigen Melchaa- und Schlieren-Korrektionen durch. Für seine hervorragenden Verdienste wurde ihm an der Landsgemeinde 1887 das Obwaldner Ehrenbürgerrecht verliehen. Ich erinnere mich dabei eines Ausspruches von Arthur Honegger, der einmal sagte: Es sei gut, dass gewisse Komponisten nicht Ingenieure seien. Wenn sie nämlich in der Weise Brücken gebaut hätten, wie sie Kompositionen bauen, wären jene schon längst zusammengebrochen. Es darf Diethelm nachgesagt werden, dass er seine Kompositionen so baut, wie sein Urgrossvater Strassen und Brücken baute: handwerklich solid und statisch richtig. Und wenn wir schon bei der Familiengeschichte sind, soll auch noch erwähnt werden, dass seine Grossmutter väterlicherseits eine Nichte des Komponisten Robert Volkmann war. Volkmann wiederum war entfernt mit Brahms verwandt. Caspar Diethelm ist also väterlicherseits musikalisch recht belastet.
Eine Episode aus der Familie scheint mir besonders erwähnenswert und auch wieder charakteristisch zu sein für Caspar Diethelm. Ein Grossonkel von ihm erregte an der Weltausstellung in Philadelphia (1888) durch sein Klavierspiel Aufsehen. Er soll so schnell Klavier gespielt haben, dass man die Finger nicht mehr sehen konnte. Etwas von dieser Schnelligkeit hat auch Caspar Diethelm. Eine Schnelligkeit und Wendigkeit im Denken, eine Schnelligkeit auch im Arbeiten - im Komponieren. Diese Leichtigkeit im Schreiben wird ihm oft zum Vorwurf gemacht. Vergisst man dabei, dass auch Vivaldi, Bach, Mozart, Schubert und Krenek diese Leichtigkeit im Schreiben hatten?
Erlauben Sie mir, zwei persönliche Bemerkungen beizufügen. Ich erinnere mich noch gut an das erste Zusammentreffen mit Caspar Diethelm 1972 anlässlich einer Radioaufnahme in Sarnen. (...) Diethelm erzählte mir damals, wie er wichtige musikalische Eindrücke vom farbigen Orgelspiel meines Vaters Josef Garovi mit den chromatisch-kühnen Improvisationen in der alten Sarner Kollegiumskirche erhalten habe und wie er den konsequenten kompositorischen Weg von Josef Garovi, seine eigenständige Haltung innerhalb der musikalischen Modetrends unserer Zeit bewundert habe.
Mit Caspar Diethelm habe ich dann im Verlaufe der nächsten Jahre als Ressortleiter für Neue Musik am Radiostudio Bern viel zu tun gehabt, sei es als Dirigent eigener Werke (...), sei es als Autor von Radiosendungen. Jedesmal war unser Zusammentreffen begleitet von einer kritischen Analyse der aktuellen Musikszene.(...)
Mit einem historiographischen Satz von Ernst Krenek möchte ich diese Einleitung zur Festschrift von Caspar Diethelm schliessen und situieren: „Während literarische Äusserungen von Komponisten (und dessen Freunden A.G.) von deren Zeitgenossen häufig beiseite geschoben werden als Versuche, ihre zweifelhafte Position durch subjektive Gedankengerüste zu unterbauen, ist die Nachwelt ebenso bestrebt, solche Äusserungen mit grösstem Eifer zu durchforschen. Sie sieht in ihnen Dokumente, die wohl geeignet sind, zum vollen Verständnis des Werkes jener Komponisten beizutragen, da sie bedeutsamen Aufschluss über Gedanken geben können, die jene Künstler bewegten als sie noch am Leben waren“ (Selbstdarstellung, Zürich 1948, 61).
(gekürzte Fassung)