Grosse Sinfonik von einem knorrigen Bergler
Luzerner Zeitung
Grosse Sinfonik von einem knorrigen Bergler
KULTURGUT ⋅ Rainer Held hat mit dem Schottischen Nationalorchester die sinfonischen Hauptwerke des Obwaldner Komponisten Caspar Diethelm auf CD eingespielt: Die späten Uraufführungen sind eine Empfehlung auch für Live-Aufführungen im Konzertsaal.
28. Oktober 2017, 09:13
Manchmal würden Kunstpreise ohne Kenntnis des Werks vergeben, meinte der Obwaldner Komponist Caspar Diethelm, als er jenen der Stadt Luzern erhielt. Sie verlieh ihm nämlich 1986 den Kunstpreis, obwohl keine seiner Sinfonien je aufgeführt worden waren. «Wer wie ich acht Sinfonien schreibt, ist ein Spinner», meinte er in einem Interview: «Er hat sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er seine wichtigsten Werke nie hören wird.»
Das war tatsächlich der Fall, als Diethelm 1997 starb. Und es war umso erstaunlicher, als der Obwaldner nicht nur als Komponist seiner Generation die markanteste Persönlichkeit der Zentralschweiz war, sondern sich auch als Politiker für Umweltanliegen engagierte.
Zeit für die Rettung eines Kulturguts
Jetzt aber macht eine CD-Box fünf seiner sinfonischen Hauptwerke endlich zugänglich. Esther Diethelm, Pianistin und Tochter des Komponisten, betreute die Edition des Notenmaterials, das jetzt für künftige Live-Aufführungen zur Verfügung steht. Aber die Initiative ging vom Dirigenten Rainer Held aus, der die Werke mit dem Royal Scottish National Orchestra eingespielt hat.
«Der Zeitpunkt dafür ist einerseits günstig», sagt Held und spielt auf das Ende des Avantgarde-Diktats an, das nach 1945 Komponisten wie Diethelm in die konservative Ecke abdrängte: «Diethelm hat die Tonalität erweitert, aber nicht verlassen. Das macht seine Musik bei aller Expressivität und Komplexität fassbar. Und damit führte sie das Schaffen eines Arthur Honegger oder Paul Hindemith in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiter.» Anderseits ist es höchste Zeit für die Rettung dieses Zentralschweizer «Kulturguts», weil die «letzten Fans des Komponisten allmählich hinwegsterben. Dann beginnt die Patina des Vergessens.»
Davor bewahren will Held die sinfonischen Werke wegen ihrer Qualität: «Da ist zum einen ein unglaubliches Handwerk, was den Umgang mit grossen Formen, die Verarbeitung von Themen oder die raffinierte Instrumentierung anbelangt, von der die Musiker des Schottischen Orchesters begeistert waren.» Zu solch objektiven Qualitäten kommen die subjektiven hinzu: «Schon bei Aufführungen, die ich während meines Studiums am Konservatorium in Luzern miterlebte, wo Diethelm unterrichtete, wusste ich: Das ist Musik mit einer starken persönlichen Aussage.»
Personalstil im Zeichen der Berge
Das gilt auch für die Sinfonien dieses «knorrigen, charakterstarken Berglers» – Held sagt das Wort mit einem Blick durch die Fenster der Bellerive-Villa, wo er die Musikabteilung der Pädagogischen Hochschule Luzern leitet und die einen Weitblick in die Berge bietet. Die kantige Wucht dieser Berge hört man aus Diethelms Musik heraus. So verbindet die eingespielten Werke eine expressionistische Klangsprache, die archaische Züge hat und vom markanten Blech zu schneidender Schärfe gesteigert wird. Hinzu kommen eine starke rhythmische Energie und lichte Holzbläsersätze, womit Diethelm alle Register zieht.
Dennoch gibt es Unterschiede. In der ersten und dritten Sinfonie wirkt die fahrige Motorik wie ein gemässigt moderner Klassizismus aus zweiter Hand. «Meisterwerke» dagegen sind für Rainer Held die fünfte Sinfonie («Mandala») und die Sinfonische Suite «Saturnalien». «Darin findet sich neben vulkanisch getriebenen und zarten Sätzen ein Trauermarsch, den man neben jenen aus Beethovens ‹Eroica› stellen kann», begeistert sich Held: «Die Harmonik ist ausgeweitet, aber findet immer zurück in die Schönheit des Klangs.»
Die fünfte Sinfonie: Das Meisterwerk
Das Wort vom Meisterwerk ist nicht zu hoch gegriffen für die fünfte Sinfonie. Da wird im ersten Satz Wucht ausbalanciert durch vielschichtige Melodie- und Energieströme, der zweite entwickelt aus der Überlagerung unterschiedlicher Rhythmen eine dahinschiessende Sogkraft, das elegische Larghetto steigert sich zu einem farbschillernden, leidenschaftlich gesteigerten Hymnus. Selbst die Motorik des Finales hat nichts Mechanisches an sich, sondern Schwung und Schärfe.
Die Einspielungen durch das vorzügliche Schottische Nationalorchester bestechen durch eine Klanglichkeit, die nie massig wirkt und doch Detailfreude mit grosser Durchschlagkraft verbindet. Mit alledem sind die drei CDs über alle Wiedergutmachung hinaus eine Empfehlung für Live-Aufführungen im Konzertsaal.
Urs Mattenberger
urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch
Hinweis
Caspar Diethelm: Symphonic Works (drei CDs, Guild).
http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/kultur/grosse-sinfonik-von-einem-knorrigen-bergler;art9643,1128343
CD-Taufe: Dienstag, 31. Oktober, Musikhochschule Luzern, Dreilindenstrasse 93: 17 Uhr Werkanalysen mit Rainer Held und Esther Diethelm, musikalische Umrahmung: Patrizio Mazzola; 18 Uhr CD-Taufe.