Innerschweizer Vollblutmusiker

(„Vaterland“, 13.8.1983, Luzern)

Eine stattliche, hochgewachsene Gestalt, grosse, ausdrucksvolle blaue Augen, ein stürmisches Temperament, das die Besucherin schon unter der Haustür mit elementarer Wucht überfällt, ein zunächst finsterer Gesichtsausdruck, der einigen Mut herausfordert, in die Privatsphäre dieser Persönlichkeit einzudringen, die darob ganz offensichtlich fürs erste nicht begeistert ist: Mannigfaltig und widersprüchlich sind die Eindrücke, die bei dieser ersten Begegnung mit Caspar Diethelm entstehen. Von Natur bin ich etwas schüchtern. Bei Caspar Diethelm erkannte ich schon nach fünf Sekunden: Hier gibts nur eine Alternative - entweder stürze ich mich initiativ ins Gespräch und rette mir mit einigen Fragen und Kommentaren ein Minimum an Dialog, oder ich werde von Diethelm glatt überfahren. Ich hatte nicht einmal Zeit, meinen Notizblock richtig hervorzukramen, als mein Gastgeber schon zu sprudeln begann...
Im Verlauf der Gespräche begann ich das Wesen dieses vielseitigen und hochbegabten Menschen besser zu verstehen. Eine besonders interessante Erbmasse ist hier zusammengeflossen: Ein Urgrossvater war Brücken- und Strassenbauer, Vater Diethelm Jurist und Lokalhistoriker und ausserdem ein guter Hobbysänger; Sinn für Konstruktives, für Politik und Geschichte in zahlreichen Erscheinungsformen wurde ihm damit in die Wiege gelegt. Dass sich die Energien zu schöpferischem Tun bündelten und Diethelm zum Musiker und insbesondere zum Komponisten werden liessen, verhinderte aber die Realisierung einer ganzen Menge weiterer Begabungen und Interessen nicht. Diethelm war aktiver Politiker, der es bis zum Kantonsratspräsidenten von Obwalden gebracht hat. Ausserdem ist er als Botaniker, Mineraloge (mit umfassender Sammlung von zum Teil selbstgeschliffenen Quarzen und Achaten) und Pilzsachverständiger genauso präzis auf dem laufenden wie etwa als Musikhistoriker. Es überrascht nicht, dass sein Menschenideal der „Homo universalis“ der Renaissance ist.
Menschen von solcher Vielschichtigkeit sind selten und erwecken in der heutigen Zeit des Spezialistentums das Misstrauen in allen Lagern, wo jeweils der Vorwurf locker sitzt, einer betreibe die vielen Aktivitäten nur als Amateur. Damit hat Caspar Diethelm fertig werden müssen. Bei ihm war es übrigens nicht die freie Entscheidung, die ihn in die Mehrgleisigkeit des Wirkens geführt hat, sondern „die Macht des Schicksals“, das wie so oft in einem Leben, das anders verläuft als ursprünglich geplant, um die Möglichkeiten eines Menschen genau zu wissen scheint und sie zuletzt optimal ausnützt. Diethelm erinnert an Albert Schweitzer, der auf den Vorwurf, er überarbeite sich und „zünde seine Kerze an beiden Enden gleichzeitig an“, geantwortet haben soll: „Das macht nichts, wenn die Kerze lang genug ist...“


Werdegang

In Luzern 1926 geboren, wuchs Caspar Diethelm in Sarnen auf, wo er die Schulen besuchte und mit der Höchstnote die Matura abschloss. Als 16jähriger erlebte er erstmals Beethovens Eroica, die für ihn das auslösende Moment für den Wunsch wurde, Musiker sein zu wollen. Er begann mit Klavierstunden, trat mit 18 Jahren ins Luzerner Konservatorium ein. Allein - 1946 starb sein Vater plötzlich und der junge Mann war gezwungen, sein Studium abzubrechen und das Amt seines Vaters als Grundbuch- und Steuerverwalter zu übernehmen. Einblicke ins Gemeinwesen, Verantwortung und Geschick im Umgang mit administrativen und buchhalterischen Dingen erweckten Diethelms Interesse an der Politik, der er sich als Liberaler  mit intensivem Einsatz verschrieb. Während Jahrzehnten leistete Diethelm als Vollblutpolitiker in Sarnen hervorragende öffentliche Arbeit. Dann kam es zu ernstlichen Querelen, und vor wenigen Jahren verliess er Obwalden, um sich definitiv in Luzern niederzulassen.
Inzwischen war die Beschäfigung mit Musik aber nicht etwa abgebrochen; Studien am Konservatorium und an der Kirchenmusikschule in Luzern wurden weiterbetrieben, Auslandaufenthalte brachten Diethelm nach Paris und Darmstadt. In Arthur Honegger fand er das prägende, unvergessliche Vorbild, von dem er das handwerkliche Credo übernahm: Der Komponist hat aus innerer Gesetzmässigkeit heraus zu komponieren wie ein Apfelbaum Äpfel trägt. Unprätentiös hat er als Arbeiter zuerst einmal das Handwerk zu lernen, es zu beherrschen. Das Postulat, unbedingt „noch nie Dagewesenes“ produzieren zu müssen, hält Diethelm für so falsch wie Honegger. Seit 1960 komponiert Diethelm praktisch täglich mit derselben Mentalität, mit der ein Pianist oder Geiger täglich übt, um „in Form“ zu bleiben, auch wenn er nicht gerade auftreten muss. Das direkte Verhältnis zum „Stoff, aus dem Musik gemacht ist“, hat in Diethelm auch die Beziehung zur Praxis aufrechterhalten. Gerade die Darmstädter Ferienkurse, in denen er die avantgardistischen Tendenzen durchexerziert und erfahren hat, was es heisst, Musik zu schreiben, die nur noch von einem winzigen Zirkel von Insidern nachvollzogen werden kann und sogar in der Tonvorstellung der Autoren selbst nicht mehr realisiert wird, haben ihn von solchen Experimenten „geheilt“.
Er ist sich nicht zu gut, um für Laien und Kinder zu komponieren, und auch seine für professionelle Interpreten geschriebenen Werke sind so angelegt, dass sie melodisch und strukturell vom Durchschnittshörer erfasst werden können. Damit hat sich Diethelm freilich der Geringschätzung gewisser Komponistenkreise ausgesetzt, für die Melodie und Formklarheit altmodisch und suspekt geworden sind. Er aber bekennt sich zur altmeisterlichen Vorstellung, dass Musik ein Kommunikationsmittel sei, etwas auszusagen habe. Deshalb eignet er sich genaueste Kenntnis aller Instrumente und ihrer Spieltechnik an und konnte es wagen, für praktisch jedes Instrument Solostücke zu schreiben.

Zeitgenössische Tendenzen

Dennoch bedauert es Diethelm keineswegs, sich in Darmstadt mit dodekaphonischer und serieller Technik auseinandergesetzt zu haben; er war Ende der 40er Jahre einer der ersten Schweizer Komponisten, die sich der Zwölftontechnik bedient haben. Heute ist er in der Lage, diese Systeme zu benützen, ohne deswegen eine Schwerpunktorientierung in seiner Musik preisgeben zu müssen.
Der - nach seiner Meinung weitgehend im menschlichen Spieltrieb wurzelnden - Versuchung der elektronischen Musikerzeugung hat er bisher widerstanden: die Vorstellung, eine Maschine zwischen der Musik und dem Hörer zu wissen, behagt ihm nicht. Ebensowenig ist er bereit, mit allzu weitreichenden aleatorischen und improvisatorischen Verfahren die Verantwortung für die Werkgestalt an die Interpreten zu delegieren.
Wenn heutzutage die Kluft zwischen dem zeitgenössischen Tonschaffen und dem Publikum fast unüberbrückbar geworden ist, so seien daran die Komponisten nicht unschuldig, wenn sie ihre Musik zu sehr verschlüsseln. Diethelm erinnert an die alte Maxime, wonach die Musik auch „zur Ergötzung des Gemütes“ zu schaffen sei und daran, dass die Musik die Menschen gesund, aber auch krank machen kann.
(...)

Musikalische Sprache

Caspar Diethelms Oeuvre umfasst im Moment zirka 220 Werke. Die relativ hohe Zahl erklärt sich einesteils aus dem schöpferischen Born, der ununterbrochen quillt und dank konsequentem Fleiss gefasst und genützt wird, und andernteils dank einem hochqualifizierten satztechnischen Können zu rascher Formulierung fähig ist. Dabei beherrscht Diethelm die gesamte Skala vom Einfachsten bis zum Anspruchsvollsten souverän: Er schafft kleine Partituren für Hausmusik mit ebenso viel Spass wie er Solowerke für Bravoursolisten, Kammermusik und Kompositionen für Chor und grosses Orchester kunstvoll gestaltet. Bei der Durchsicht des Werkverzeichnisses fällt auf, dass die Bezeichnungen der klassischen absoluten Musik - Sonate, Quartett, Konzert, Sinfonie - vorherrschen. Die Handhabung des musikalischen Materials wurzelt ebenfalls in der Tradition: Formen sind durchhörbar, die Tonsprache ist logisch, Melodien erlebbar, die Instrumente werden wirksam, aber ohne extreme Verfremdungen eingesetzt. Damit erbringt Diethelm einen wichtigen Beweis: Dass nämlich das Tonschaffen nach traditioneller Manier noch keineswegs erschöpft ist und man keine halsbrecherischen Experimente braucht, um sich heutzutage musikalisch zu artikulieren. Seine Musik ist eigenständig, ausdrucksvoll, vital; mag sie in Kreisen der Avantgarde nur zurückhaltend anerkannt werden: beim Publikum kommt sie direkt an, und der Durchschnittshörer ist noch immer eines Komponisten wichtigster Adressat.
(gekürzte Fassung)