Notizen zu Frank Martin (1890 - 1974)

(Auszug aus dem musikalischen Tagebuch von Caspar Diethelm)

„(...) Zu den wahrhaft grossen und edlen Menschen, welche ich kennengelernt habe, gehört
Frank Martin. Hochgewachsen, mit schlaksigen Bewegungen, ständig rauchend, von
beneidenswertem welschem Charme, Eleganz und Eloquenz. Auch er ein Tigergeborener,
ein Feuerkopf also, wie Beethoven oder H. W. Henze. Musik als Lava, aber auch als
rhythmische Pulsation.

Martins „Petite Symphonie concertante“ hat mich über die Massen begeistert. Meine
Bewunderung für diesen grossen Wurf hat nicht nachgelassen! Von da weg begann ich
ebenfalls mit melodisch-thematischen Zwölftonreihen zu experimentieren und sie in ein
tonales Umfeld zu integrieren. Durch diese Verbindung entsteht eine neue Art der Tonalität
und eine neue Art der Melodiebildung, sowie die Möglichkeit zu einer neuen Art von
Formgebung. Die Dreiklangsreihen Martins sind nicht mehr dem mechanistischen Paradigma
der Funktionsharmonik verpflichtet, sondern hängen eher freischwebend - wie Caldersche„Mobiles“.

Die „gleitende Tonalität“ Martins (so hat er sein Verfahren in seinem letzten
Vortrag in Luzern 1974 umschrieben) ist auch Bestandteil meiner Kompositionsmethode
geworden. Viele kontrapunktische Spezialitäten Martins, etwa in dem ganz
ausserordentlichen „Konzert für 7 Bläser“, haben mich zu eigenen Lösungen angeregt. (...)“